n diesem Artikel teile ich Gedanken aus einem internationalen Impuls-Workshop mit SIETAR Deutschland – über Worte, Zugehörigkeit und Kinder, die zwischen Kulturen aufwachsen. Außerdem gehe ich auch auf die Verantwortung ein, die wir Erwachsene bei unserer Wortwahl tragen.
Ein Impuls-Workshop, viele Perspektiven
Am 26.02.26 (was für ein schönes Datum) durfte ich mit der Regionalgruppe München von SIETAR Deutschland einen Impuls-Workshop vor internationalem Publikum halten.
Es waren Menschen aus SIETAR USA, Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Frankreich, Polen, den Niederlanden und natürlich Deutschland dabei. Aber auch externes Fachpublikum, Menschen, die mit internationalen Familien arbeiten oder zu einer gehören.
Ich nahm die Teilnehmenden mit auf eine Gedankenreise in die Welt der Kinder. Wir sprachen darüber, wie sich Dazugehören anfühlt, riecht oder schmeckt – und welche Bezeichnung sie für Menschen mit einem interkulturellen Hintergrund verwenden.
Am häufigsten wurde “internationals”, “interesting”, “multicultural people” und “cosmopolitans” genannt. Doch Begriffe wie TCK (third culture kid) oder CCK (crosscultural kid) tauchten nicht auf. Das hat mich wirklich überrascht, denn diesen Begriff hatte ich in Fachkreisen bisher sehr oft gehört.
Eins war klar: es gibt nicht den einen Begriff, sondern viele verschiedene, abhängig von der Situation, vom Land und von der Sprache, in der sie benutzt werden.
In den Break-Out-Rooms wurde diskutiert, welches Wort ein sechsjähriges Kind, das von sich sagt:
“Ich bin in München und Marokko geboren.” benutzen würde.
Dabei kam die Frage auf:
“Braucht ein Kind überhaupt ein Wort?”
Was meinst du?
Und sind es nicht die Erwachsenen, die Kinder mit Worten klassifizieren – manchmal sogar, indem ihnen über ihren „Migrationshintergrund“ schlechtere Leistungen zugeschrieben werden?
Oder was ist, wenn wir uns zum Beispiel selber vorstellen und Kinder die Worte hören, die wir wählen?
Unsere Verantwortung als Erwachsene
Wir Erwachsene tragen Verantwortung für die Worte, die wir täglich benutzen – und für die Begriffe, mit denen wir uns selbst und Kinder beschreiben.
Kinder hören aufmerksam mit. Überall. Auf der Straße, in der Schule, in Familien, an der Bushaltestelle. Sie nehmen auf, wie über Identität gesprochen wird.
Die Antworten aus den Break-Out-Räumen zeigten viel Sensibilität für Vielfalt. Das hat mich kaum überrascht, denn die Teilnehmenden waren Vielfalt-Profis. Ihre Antworten lauteten: anerkennen, nachfragen, ins Gespräch gehen – statt vorschnell einordnen.
Doch im Alltag erlebe ich oft das Gegenteil: Wir übernehmen bestehende Konzepte, ordnen schnell zu und hinterfragen selten, ob diese Begriffe wirklich passen.
Häufig greifen wir auf englische Fachbegriffe zurück – ohne zu bedenken, dass Identität nicht nur im Kopf, sondern im Herzen verankert ist.
Englisch ist für viele eine Kopfsprache, aber keine Herzenssprache. Und viele Kinder sprechen kein Englisch oder sind erst dabei, es zu lernen.
Kinder brauchen Worte in einer Sprache, die sie nicht nur verstehen, sondern auch fühlen können.
Was wäre, wenn wir statt anzunehmen zunächst zuhören?
Beobachten, womit Kinder sich wohl fühlen.
Fragen stellen.
Mit ihnen ins Gespräch gehen.
Und gemeinsam Wörter erfinden, in den Sprachen, in denen ihr Herz zu Hause ist.
Kinder brauchen eigene Worte
Kinder und wir Menschen sind natürlich in erster Linie wir selbst und unser Name reicht dafür.
Doch wollen wir nicht die Vielfalt unserer Wurzeln auch zum Ausdruck bringen?
Kinder brauchen keine komplizierten Begriffe. Sie brauchen aber Wörter, um ihre Kulturvielfalt ausdrücken zu können. Vor allem dann, wenn sie stolz darauf sind und sich darüber freuen.
Manche Kinder wollen ihre kulturelle Identität zum Ausdruck bringen, anderen ist das nicht so wichtig und vielen fehlen geeignete Wörter. Denn meist werden doch die Nationalkulturen der Eltern benutzt. „Meine Mutter ist aus…“ „Mein Vater kommt aus…“
Damit bleibt sprachlich dieser Teil, den sie durchaus auch als eigenen Anteil sehen, bei der Bezeichnung der Eltern. Wie schade!
Meine Kinder machen es ähnlich. Sie sehen unsere Familie nicht als deutsche Familie an, sondern als “etwas anderes”. Jedoch fehlen ihnen dafür die Worte und dann sagen sie, dass ihre Mutter in Mexiko geboren wurde oder ein Teil der Familie mexikanisch ist.
Mehr über meine Wurzeln und was kulturelle Identität für mich bedeutet, habe ich in einem anderen Artikel beschrieben.
Warum mir bestehende Begriffe nicht reichen
Viele der bestehenden Begriffe sind für mich zu abstrakt z.B. “TCK” ist schlecht zu übersetzen – “Drittkulturkind” klingt für mich nicht gut. Andere sind zu sehr Schublade und entweder–oder-Gedanke, wenn ich mich zum Beispiel entweder als Deutsche oder als Mexikanerin einordnen soll. Diese Haltung ist mir oft begegnet.
Mir ist noch zu wenig „sowohl als auch“-Gedanke dabei.
Ja, wenn ich Deutsch-Mexikanerin sage, dann ist das sowohl-als-auch und das klappt bei zwei Kulturräumen gut.
Was wenn aber mehr dazu kommen?
Was, wenn ein Mensch drei, vier oder mehr kulturelle Bezüge hat?
Welche Worte bieten wir dann an?
Haltung statt perfekter Begriffe
Vielleicht ist es weniger wichtig, das perfekte Wort zu finden. Sondern die Haltung zu verändern und all die verschiedenen Begriffe, die Leute selber (!) wählen, zuzulassen.
Wichtiger ist, Kindern zuzuhören, wenn sie ihre eigenen Worte suchen und sie bei dem Entdecken zu begleiten.
Die Resonanz auf diesen Workshop und die vielen weiterführenden Gedanken im Anschluss zeigen mir, dass wir neue Räume brauchen, um über Sprache, Identität und Zugehörigkeit von Kindern zwischen Kulturen zu sprechen. Ich freue mich, diesen Weg weiterzugehen.
Identität und Zugehörigkeit entstehen nicht durch Zuschreibung, sondern durch Beziehung.
Welche Worte nutzt ihr – beruflich oder privat – wenn es um Kinder zwischen Kulturen geht?
Und welche fehlen vielleicht noch?
